Vorgestern stand die Reise nach Takayama an. Wir hatten die Zugtickets bereits organisiert, also mussten wir nur aus dem Hotel auschecken, zum nächsten größeren Bahnhof gehen und in den Shinkansen einsteigen. Während der Fahrt konnte man den Mt. Fuji wieder sehen, auch wenn sich einige Wolken davor schoben. Der Anschlusszug nach Takayama war sehr voll, aber in der Green Car hat man davon kaum etwas bemerkt. Wie erwartet stiegen in Takayama fast alle aus – offenbar wegen des Festivals.
Im Zug kam ich noch auf den Gedanken, direkt bei der Ankunft die Sitzplatzreservierungen für die Abfahrt zu holen. Das war eine gute Idee, denn selbst da bekamen wir schon keine Plätze mehr nebeneinander. Danach liefen wir zum Hotel und checkten ein. Das Hotel ist wirklich traditionell: Unser Zimmer ist ein nahezu quadratischer Raum mit Tatami-Matten und Futon; der Tisch mit den Sitzkissen steht direkt am Boden – genau wie man es aus alten Filmen kennt. Auch die Tür zum Zimmer ist eine Schiebetür.
Im Hotel selbst gibt es einen kleinen Onsen-Bereich mit Innen- und Außenbecken. Zur Begrüßung stand im Zimmer heißes Wasser für Tee und ein lokales Gebäck bereit. So machten wir uns zuerst gemütlich einen Tee. Danach gingen wir los, um Takayama zu erkunden und uns für den nächsten Tag ein wenig zu orientieren. Obwohl es bereits dämmerte und das Licht schwach war, war die Altstadt wunderschön. Wir gingen bis zum Sakurayama-Tempel, den wir bei Nacht besuchten. Dort entdeckten wir das Goshuin-Office und auch schon das spezielle Festival-Goshuin.
Anschließend machten wir uns auf die Suche nach einem Restaurant. Wir liefen eine ganze Weile herum, da die Altstadt hauptsächlich Wohngebiet ist und die Straßen fast ausgestorben wirkten. Erst in der Nähe des Bahnhofs fanden wir entlang der Hauptstraße einige Restaurants. Wir entschieden uns für Yakiniku – es war sehr lecker. Gesättigt und zufrieden kehrten wir ins Hotel zurück und besuchten noch den Onsen.
Der nächste Tag begann mit dem Frühstück im Hotel, einem klassischen japanischen Frühstück. Auch wenn es durchaus lecker war, bin ich doch eher die westliche Art zu frühstücken gewohnt.
Gegen zehn Uhr machten wir uns wieder in Richtung Tempel auf. Unser Plan war, zuerst das Goshuin zu holen, bevor die Tagestouristen eintreffen. Doch wir kamen gar nicht so weit, denn bereits am Fluss entlang standen überall Stände, und auf der Hauptstraße zum Tempel hinauf waren die Wagen schon ausgestellt. Auch die Straßen waren voller Menschen. Wir arbeiteten uns langsam zum Tempel hinauf, immer wieder unterbrochen von Fotostopps bei den prachtvollen Wagen.
Auf dem Tempelgelände gab es einen Infostand, an dem wir auf einer Karte sahen, wo und wann die verschiedenen Programmpunkte stattfanden. Das erste Event war für 12 Uhr angesetzt – eine mechanische Puppenshow auf dem Tempelgelände. Als wir weiter hinauf zum Goshuin-Schalter wollten, wartete dort bereits eine große Menschenmenge auf die Show, und es war erst halb elf. Da die Treppen zum obersten Bereich gesperrt waren, mussten wir einen Umweg durch die Menge nehmen.
Oben angekommen, holten wir uns die Goshuin. Es war angenehm ruhig, und ich konnte mir sogar eines direkt ins Buch schreiben lassen. Im Tempel fand eine Zeremonie statt, die man von außen teilweise beobachten konnte. Wir sahen ein paar Minuten zu, bevor wir wieder hinuntergingen.
Ursprünglich wollten wir die Puppenshow gar nicht anschauen, weil es inzwischen so viele Menschen waren. Doch da auch die untere Treppe gesperrt war, dachten wir, dass vielleicht nach der Zeremonie und der Show die Mönche hinunterlaufen würden – also blieben wir dort im Schatten. Das Wetter spielte mit: Pünktlich zum Start der Show riss die Wolkendecke endgültig auf, und die Sonne „lächelte“ auf die Puppenwagen.
Die Show war unglaublich eindrücklich – kleine Akrobatenfiguren turnten über mehrere Trapeze. Wenn man bedenkt, dass alle Bewegungen nur über Seile gesteuert werden, war das wirklich faszinierend. So etwas habe ich noch nirgends gesehen.
Nach der Show gingen wir zum Fluss zurück und schlenderten an den Ständen entlang. Wir probierten einen Fleischspieß (der eher mittel war), einen Fischkuchen mit Schokoladenfüllung und anschließend eine Art frisch frittierten „Berliner“. Meiner war mit Zimt bestreut – einfach köstlich.
Danach suchten wir uns einen Platz für die Prozession und den Wagenumzug und warteten. Die Prozession der Mönche war sehr spirituell, mit vielen älteren, aber auch einigen jüngeren Darstellern – darunter jene des Löwentanzes, den wir am Abend sehen wollten. Der Wagenumzug selbst war schön, aber nicht unbedingt spektakulär, da wir die Wagen ja bereits vorher ausgestellt gesehen hatten, inklusive Musik. Es war genau so, wie man es erwartet hatte.
Da unser nächster Programmpunkt der Abendumzug war, gingen wir zurück ins Hotel und entspannten ein wenig. Gegen fünf Uhr machten wir uns wieder auf den Weg. Die Straßen waren inzwischen schon massiv überfüllt. Wir liefen bis zum untersten Punkt der Route, um überhaupt noch queren zu können, fanden aber bald einen Platz direkt an einer Ecke der Route. Vor uns standen nur drei Reihen Menschen, und wir hatten freie Sicht – also blieben wir dort.
Während wir auf den Umzug warteten, fühlte es sich ein wenig an wie das Warten auf den Morgenstraich – diese besondere Mischung aus gespannter Erwartung, Stimmung in der Menge und Vorfreude.
Nach und nach rückten die Leute weiter, sodass wir schließlich nur noch zwei Reihen vor uns hatten. Als die Löwentanz-Darsteller kamen, wurden weitere Lichter eingeschaltet, was uns überraschte – wir wollten die Wagen mit ihren Lampions ja eigentlich im Dunkeln sehen. Auf den Löwentanz hatten wir leider keine gute Sicht, aber danach wurde das Licht wieder gelöscht, und die Wagen fuhren in vollem Glanz an uns vorbei.
In diesem Moment erinnerte mich die Atmosphäre stark an den Morgenstraich – die Dunkelheit, das sanfte Licht der Lampions und die feierlich-ruhige Stimmung, nur eben am Abend und nicht mit politischen oder aktuellen Themen, sondern auf eine spirituelle und traditionelle Weise.
An unserer Ecke mussten die Wagen gedreht werden, sodass wir sie besonders lange beobachten konnten. Auf den Wagen spielten Mädchen, die ab und zu herunterwinkten – das verlieh dem Umzug eine zusätzliche charmante Note.
Nachdem die Wagen durch waren, gingen wir noch in einen Souvenirladen und verkosteten für 1000 Yen verschiedene Sake-Sorten. Auf dem Rückweg gönnte sich Markus noch kleine japanische Kuchen, und ich hatte ein Omelett am Spieß mit einem Spiegelei – und zum Abschluss noch einmal den himmlischen „Berliner“ mit Zimt.
Alles in allem hat sich der Besuch in Takayama wirklich gelohnt. Müde, aber sehr zufrieden kehrten wir ins Hotel zurück. Für heute überlegen wir noch, was wir unternehmen werden.