Gestern, nachdem ich den Blog geschrieben hatte, machte ich mich etwas früher als geplant auf den Weg zum Bahnhof Ueno. Da wieder Regen angekündigt war, wollte ich die zwanzig Minuten Fußmarsch bis zur nächsten Station nicht mit meinem ganzen Gepäck im Nassen zurücklegen. So kam ich deutlich zu früh an und hatte entsprechend viel Wartezeit am Bahnhof – aber besser so, als triefend nasses Gepäck.
Die Fahrt selbst verlief problemlos. Mit dem Shinkansen, der hier auch „Bullet Train“ genannt wird, ging es in nur rund eineinhalb Stunden die 350 Kilometer nach Sendai – bei bis zu 320 km/h fühlt sich das beinahe wie Fliegen am Boden an.
In Sendai regnete es zwar noch, aber dank der U-Bahn musste ich nur etwa fünfzig Meter bis zum Hotel im Nassen laufen. Nach dem Check-in machte ich mich frisch und wartete, bis – wie vorhergesagt – gegen 17:30 Uhr der Regen endete. Danach spazierte ich durch das Zentrum von Sendai und stolperte unverhofft über ein Event: Das ganze Wochenende fand das Sendai Jazz Street Festival statt. Mit Street Food in der Hand schlenderte ich durch die Straßen und genoss die lebendige Atmosphäre. Ich liebe es, dass in den großen japanischen Städten abends immer so viel los ist – für Touristen ist das ein Geschenk.
Auf meinem Spaziergang kam ich an mehreren Gashapon-Shops vorbei. Diese Automaten funktionieren wie überdimensionierte Kaugummiautomaten: Für ein paar Münzen bekommt man eine etwa fünf Zentimeter große Kapsel mit einer Figur oder einem kleinen Spielzeug. Welche es wird, weiß man vorher nicht – ähnlich wie bei Überraschungseiern.
Sechs Wochen lang bin ich in Japan brav an unzähligen Gashapon-Automaten vorbeigelaufen – „Brauche ich nicht“, dachte ich jedes Mal. Da ich aber schon öfters Japaner mit diversen kleinen Sachen an Taschen/Rucksäcke gesehen habe, dachte ich mir, ich hole mir etwas für an den Rucksack. Ich suchte mir eine Serie von Fuchs Figuren aus.
Also Münze rein, am Griff gedreht … und nichts passierte. Keine Kapsel. Ich gebe zu, ich war ziemlich genervt – ausgerechnet jetzt, beim allerersten Versuch nach sechs Wochen, blieb der Automat stumm.
Ich stand einige Minuten unschlüssig davor: Nochmal versuchen und riskieren, dass ich umsonst zahle? Oder es dabei belassen und mich ärgern, dass es nicht geklappt hat? Schließlich siegte die Neugier, und ich drehte ein zweites Mal. Diesmal klappte es, und heraus kam ein kleiner roter Fuchs. Auf seinem Täfelchen stand 「厄除け」 – das bedeutet „Unglücksabwehr“ oder „Schutz vor Unheil“.
In Japan sind Kitsune (Füchse) wichtige Wesen in Mythen und Legenden, manchmal listig, manchmal göttliche Boten. Es gibt bis zu neunschwänzige Füchse. Je mehr Schwänze der Fuchs hat, desto älter und mächtiger ist er. Auch einschwänzige Kitsune können schon Glücksbringer sein. Mein roter Fuchs trägt also die Bedeutung, Unheil abzuwehren – eine Art Miniatur-Amulett, ähnlich den Omamori aus den Schreinen. Und Japaner würden durchaus sagen: Solche kleinen Zufälle – erst die Leere, dann genau der Schutzfuchs – sind kein reiner Zufall, sondern ein kleines Omen. Ein Hinweis, dass man geprüft wird und am Ende etwas bekommt, das einen begleitet.
Ob man daran glaubt oder nicht – jetzt hängt der kleine Schutzfuchs an meinem Rucksack und begleitet mich auf meinen Wegen durch Japan.
Heute stand ein Tagesausflug nach Shiogama und Matsushima auf dem Plan.
In Shiogama besuchte ich den gleichnamigen Schrein. Auf dem Weg dorthin entdeckte ich etwas versteckt eine alte Residenz aus dem Jahr 1924. Ich muss sagen: Diese alten Holzbauten haben es mir wirklich angetan. Danach ging es weiter hoch zum Schrein – natürlich durfte auch das Goshuin nicht fehlen – bevor ich mich hinunter zur Bucht aufmachte.
Von dort aus nahm ich ein Schiff, das durch die berühmte Bucht nach Matsushima fährt. Diese ist in ganz Japan bekannt für ihre unzähligen kleinen Inseln – und zurecht. Die Szenerie war wunderschön.
In Matsushima schaute ich mir zunächst die Schreine und Tempel direkt beim Pier an. Danach überquerte ich eine Fußgängerbrücke zur Insel Fukuura.
Auf der Brücke fand heute eine besondere Aktion statt: Jeder Besucher bekam einen kleinen Sandball – wie aus einer Sandkastenform – und durfte ihn ins Wasser werfen, um damit schwimmende Froschköpfe zu treffen. Der eigentliche Sinn dahinter: Die Bälle lösen sich auf und reichern den Boden mit Nährstoffen für Algen und Wasserpflanzen an. Die Aktion finde ich sehr spassig. Man hätte die Anreicherung des Bodens unauffällig machen können aber so wurde eine Touristenaktivität daraus. Tolle Idee!
Auf der Insel selbst wurde es trotz der vielen Besucher schnell ruhig. Da die meisten auf den Hauptwegen blieben, konnte ich über kleine Trampelpfade durch lichte Wälder laufen, dabei das Meer und die Klippen hören und für einen Moment komplett dem Trubel der Großstadt entkommen. Nach sechs Wochen inmitten von Hochhäusern tat das unglaublich gut.
Auf dem Rückweg gönnte ich mir noch Mitarashi Dango – gegrillte Reisbällchen, über Holzkohle geröstet und anschließend mit einer süßlich-herzhaften Sojasauce mariniert. Herrlich!
Zum Abschluss schlenderte ich noch zu einer zweiten kleinen Insel. Unterwegs kam ich in einem Park zufällig in eine Art Tombola-Auflösung – es scheint fast, als wäre hier ständig irgendwo ein Event. Nach dem Rundgang über die Insel war ich schließlich ziemlich erschöpft. So beschloss ich, mich am Abend nicht mehr in Sendai zu spazieren. Morgen wartet ja schon wieder ein neuer Tagesausflug.











