Kyoto-Festival – seit Monaten geplant und doch verpasst?

Nun sind die letzten vollen Tage in Kyoto vorbei. Bei der Planung des Sabbaticals hätte ich nicht gedacht, dass ich, wenn ich dann hier bin, so wenige Tempel besichtigen würde. Gerade wegen der vielen Tempel und dem Jidai Matsuri – dem Festival of Ages – war Kyoto unser längster Aufenthalt an einem Ort.

Vorgestern besuchten Markus und ich unseren ersten Tempel in Kyoto, der etwas abseits der Touristenmassen lag. Witzig dabei ist, dass ich von diesem Tempel durch eine TV-Serie erfahren hatte und er mir im Gedächtnis geblieben war. Auf dem Gelände stand zunächst ein großes Eingangstor, ähnlich wie in Nara – nur kleiner, aber immer noch imposant. Das Besondere daran war, dass man in das Tor hineingehen und zur oberen Etage hinaufsteigen konnte, von wo aus man das gesamte Gelände überblickte. Wir wussten das im Voraus gar nicht, sondern entdeckten es nur, weil wir Menschen auf dem Tor sahen. In all meinen Reisen durch Japan konnte ich bisher nur in einem anderen Tempel weiter als bis zum Altar – das war auf dem Mount Shosha, wo Szenen von The Last Samurai gedreht wurden.

Die Aussicht war wunderschön, da das Tor mitten in einem kleinen Park lag. Leider sind wir ein bis zwei Wochen zu früh, um die Bäume in ihren bekannten Herbstfarben zu sehen. Erste Färbungen lassen sich aber schon erkennen, und bei 17 °C mit leichtem Wind war es das erste Mal, dass mir in Japan – trotz Sweatshirt – etwas kühl wurde. Ich habe mich wohl stärker an die japanische Hitze gewöhnt, als ich dachte.

Anschließend sahen wir uns die umliegenden Gebäude an, darunter ein Wasser-Aquädukt und einen japanischen Garten. Gerade der Garten war ein echtes Highlight. Wie wir schon mehrfach feststellen konnten, haben die Japaner ein besonderes Gespür für ästhetische Gartengestaltung. Hier kam hinzu, dass ein kleiner Baum bereits das leuchtende Rot des Herbstes trug – perfekt für einige wunderschöne Fotos. Sozusagen ein erster Bote dessen, was unvermeidlich kommen wird.

Auf dem Rückweg lag eine weitere große Tempelanlage, die wir ebenfalls besuchten. Zufällig war das genau der Tempel, der das Festival organisierte, das am nächsten Tag stattfinden sollte. Wir konnten dort also ein spezielles Goshuin vom Festival bekommen und sahen einige Vorbereitungen: In den Seitengängen lagen bereits viele Kostüme bereit.

Zurück im Zentrum kamen wir noch an einer weiteren Tempelanlage vorbei und besichtigten dort ein Gebäude mit beeindruckenden Deckenmalereien von Drachen.

Am Abend schlenderten wir noch durch einige Querstraßen im Zentrum, bevor wir uns ein nettes Restaurant aussuchten und uns Tonkatsu mit Curry gönnten.

Gestern war dann der Tag, an dem das Jidai Matsuri stattfinden sollte. Die Wettervorhersage war allerdings ernüchternd – es sollte bereits zwei bis drei Stunden vor Beginn der Parade anfangen zu regnen erst danach enden. Da man aber früh da sein muss, um einen halbwegs guten Platz mit Sicht zu bekommen, stellte sich mir die Frage, ob ich wirklich so lange im Regen warten wollte oder doch einer anderen, etwas „verrückten“ Idee folgen sollte. Im letzten Eintrag hatte ich ja von meinem Sammelfieber erzählt, und da ich wirklich gerne die letzten fehlenden Sammelkarten finden wollte, kam mir der Gedanke, spontan nach Tokio – nach Akihabara – zurückzufahren. Mit dem Shinkansen sind es nur etwa zweieinhalb Stunden, also durchaus machbar für einen Tagesausflug – und dank meines Japan Rail Passes würde es mich nicht einmal etwas kosten.

Also setzte ich mich in den Bus zum Hauptbahnhof in Kyoto und suchte unterwegs nach passenden Verbindungen. Während der kurzen Busfahrt tobte ein innerer Konflikt: Dem Impuls folgen – oder doch in Kyoto bleiben, die Zeit für die letzten Souvenirs nutzen und vielleicht doch noch spontan die Parade besuchen? Am Bahnhof angekommen war die Entscheidung schließlich gefallen – und zwar dagegen. Ich stieg nicht in den Zug. Ich hatte schon oft einzigartige Ereignisse verpasst, und diesmal wollte ich die Liste nicht noch erweitern. Also blieb ich, schlenderte ein wenig durch die Stadt und suchte mir etwa eine Stunde vor Beginn der Parade einen guten Platz zum Zuschauen.

Ich hatte tatsächlich Glück und konnte mir einen sehr guten Platz sichern. Die Parade selbst war allerdings etwas ungewöhnlich – in einer Weise, die ich schwer einordnen konnte. Einerseits waren die traditionellen Kostüme wirklich interessant, andererseits wirkte die ganze Prozession seltsam still. Nur zu Beginn spielte die kaiserliche Palastgarde Musik; der restliche Zug, der insgesamt etwa eine Stunde dauerte, verlief ohne musikalische Begleitung. Die Kostüme waren chronologisch geordnet, beginnend mit den neueren Epochen und endend mit jenen um das Jahr 780–820.

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Schon am Vortag war mir etwas kühl gewesen, aber da wusste ich noch nicht, wie kalt es werden würde, wenn man über eine Stunde still am Straßenrand steht. Es waren wieder rund 16 °C, aber durch den Nieselregen und die hohe Luftfeuchtigkeit fühlte es sich deutlich kälter an – und der Wind hatte hier kaum Hindernisse. Also ging ich nach der Parade zurück ins Hotel und wärmte mich mit einem heißen Bad wieder auf. Der Abend verlief dann ruhig und unspektakulär.

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