Manchmal gibt es Blogeinträge, die sich ganz leicht schreiben lassen – und manchmal eben nicht. Leicht sind jene, bei denen ich viel gesehen und fotografiert habe; sie führen eher zu klassischen Reiseblog-Beiträgen. Dieser hier gehört wohl zur anderen Sorte: Er zeigt die Tage dazwischen, ist mehr tagebuchartig und beschreibt mein Erleben dieser ruhigeren Phasen – inklusive einiger Gedanken über mein Sabbatical.
Seit meiner Ankunft in Japan bin ich regelmäßig durch Städte und Einkaufsstraßen geschlendert. Einerseits möchte ich natürlich viele schöne Dinge für mich selbst und Souvenirs für Familie und Freunde finden, aber gerade bei den Sachen für mich war ich bisher sehr zurückhaltend. Ich habe diese Reise ja nicht zufällig in Akihabara begonnen – dem Einkaufsparadies für Anime- und Manga-Fans. Trotzdem habe ich weder Figuren noch sonst viel Merchandise gekauft. Ein Grund war, dass ich das alles nicht während der Reise mit mir herumschleppen wollte (Größe und Gewicht sind schließlich begrenzt). Außerdem hatte ich Bedenken, dass gerade Figuren den Heimweg unbeschadet überstehen. Deshalb habe ich vor allem kleine, unzerbrechliche Dinge gekauft – und auch das eher sparsam.
Nun bin ich aber bereits in meiner zweitletzten Stadt und reise in einer Woche zurück in die Heimat.
Warum erwähne ich das? Weil sich diese Zurückhaltung in den letzten Tagen etwas geändert hat. Vorgestern, nach unserem Ausflug nach Nara, sind Markus und ich noch ein wenig durch die Einkaufsstraße gebummelt. In einem Animate – einem auf Anime-Merchandise spezialisierten Laden – stieß ich auf ein Sammelkartenspiel (kurz TCG für Trading Card Game), das auf einer meiner alten Lieblings-Mangageschichten basiert. Dieses Spiel war mir schon vor zwei Jahren aufgefallen, aber da jede Edition einen anderen Anime aufgreift, fand ich die Karten zwar schön, hatte aber keinen Grund, welche zu kaufen.
Diesmal war es anders: Ich kaufte mir fünf Boosterpacks. Für alle, die keine TCGs kennen: Ein Boosterpack enthält eine feste Anzahl an Spielkarten – hier acht Stück –, darunter einige gewöhnliche, einige seltene und manchmal besonders glänzende Varianten.
Im Hotel öffnete ich dann die fünf Boosterpacks – und die Motive gefielen mir so gut, dass ich mir vornahm, weitere Karten zu kaufen, um genug für ein Spiel zu haben und möglichst viele Motive dieser Edition zusammenzutragen. Die Edition ist allerdings schon über ein Jahr alt, in der Sammlerszene quasi „alter Käse“ – dazu noch in limitierter Auflage und ausschließlich in Japan erschienen. Kein Wunder also, dass sie inzwischen fast überall vergriffen war. Genau das weckte in mir den alten Sammlerinstinkt: Jetzt wollte ich sie erst recht finden.
Gestern starteten wir den Tag etwas später und frühstückten erst einmal gemütlich in einem Donutladen. Am Wochenende öffnen die meisten Geschäfte ohnehin erst nach zehn Uhr, also hatten wir keinen Stress. Danach durchstreiften wir weiter die Einkaufsstraße – es gibt dort so viele Läden, dass man mehrere Tage verbringen könnte, ohne alles zu sehen. Ich hatte noch eine recht lange Souvenirliste abzuarbeiten und schaute in viele Geschäfte hinein. Einer der letzten Stopps war erneut der Animate, und diesmal kaufte ich gleich eine ganze Box Booster – die letzte, die sie noch hatten.
Zurück im Hotel wollten wir eigentlich eine Pause machen, bevor es zum Abendessen ging. „Eigentlich“ – denn ich habe natürlich sofort angefangen, die Karten auszupacken. Da ich früher schon andere Kartensets gesammelt hatte, wusste ich, wie spannend das ist: neue Karten öffnen und hoffen, möglichst viele unterschiedliche zu bekommen. Während der Pause erstellte ich gleich eine Liste der vorhandenen und fehlenden Karten. Da ich noch eine Stunde Zeit hatte, bis ich mit Markus verabredet war, und nur fünf Minuten entfernt ein Händler für Einzelkarten verschiedener TCGs war, machte ich mich sofort auf den Weg. Ich war so im Sammelfieber, dass ich Markus bat, unser Treffen um eine halbe Stunde zu verschieben – und kam trotzdem noch zwei Minuten zu spät. Aber ich hatte weitere 20 Karten für meine Sammlung gefunden.
Zum Abendessen gingen wir dann wieder einmal Yakiniku (japanisches BBQ) essen.
Heute ergab sich etwas mehr Zeit für mich allein, also habe ich die Gelegenheit genutzt, nochmals ein paar Kartenshops aufzusuchen. Ich besuchte mehrere Läden für Einzelkarten, doch keiner außer dem von gestern hatte noch Karten dieser Edition. Da ich dort am Vortag nicht alle durchsehen konnte, ging ich also erneut hin – mit Erfolg: Ich fand weitere Karten. Nun habe ich alle größeren Möglichkeiten in Kyoto ausgeschöpft.
Anschließend bummelte ich noch einmal durch die Einkaufsstraße und konnte meine Souvenirliste fast vollständig abhaken. Dabei fiel mir auf, dass meine „Hemmschwelle“ für eigene Einkäufe deutlich gesunken ist – schließlich muss ich nur noch zweimal mit dem Gepäck reisen, also landeten auch ein paar Sachen für mich im Einkaufskorb.
Vielleicht wirkt es auf euch so, als würde ich meine Zeit in Kyoto mit Shoppen „verschwenden“, obwohl es hier so viele beeindruckende Tempel und Sehenswürdigkeiten gibt. Aber ich habe schon vor einigen Tagen bemerkt, dass ich eine gewisse Sättigung vom Sightseeing erreicht habe. In den letzten Monaten habe ich so viele Tempel, Schreine und andere Highlights gesehen, dass ich heute kein schlechtes Gewissen hatte, nichts davon zu besuchen. Im Gegenteil: Es war schön, noch einmal das Großstadtgefühl zu genießen – und dabei auf meine ganz eigene Weise Japan zu erleben, nämlich auf der Jagd nach Sammelkarten.
Ein weiterer kleiner Mosaikstein meiner „Japan erleben“-Erfahrung, bevor diese in acht Tagen endet.